Christian Schneider – Trauer als Metapher deutscher Erinnerungspolitik

Besichtigung eines ideologisierten Affekts

Fr., 07.12.2012 – 19 Uhr @ Uni Jena, CZS 3, Hörsaal 9

Spätestens mit der Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizäckers am 8. Mai 1985 wurde die Verknüpfung von Erinnerung, Trauer und Verantwortung zentraler Bestanteil deutscher Erinnerungspolitik. Trauer ist jedoch nicht moralisch postulierbar, sondern ein spontaner kreatürlicher Akt.
Der Vortrag geht anhand der Rede von Weizäckers, der Opferidentifizierung der 68’er und der Debatte um das Holocaustmahnmal der These nach, dass der Begriff „Erinnerung“ im Kontext von NS und Shoah fetischisiert und de facto verzerrt wird und dass die die im deutschen Erinnern allgegenwärtige Rede
von der Trauer um die Opfer der Shoah, die Trauer um ihren humanistischen Gehalt bringt.

Dr. Christian Schneider ist Soziologe, Philosoph und Psychologe. Er lebt in Frankfurt am Main und arbeitet inzwischen als Coach für Führungskräfte, als Filmemacher, Autor und Winzer. Gemeinsam mit Ulrike Jureit veröffentlichte er das Buch „Gefühlte Opfer – Illusionen der Vergangenheitsbewältigung“ (2010, Klett-Cotta).