Magnus Klaue – Bürgerliche Kälte

Zur Aporie historischen Eingedenkens in der Kritischen Theorie

Do., 13.12.2012 – 19.30 Uhr @ Uni Jena, CZS3 Hörsaal 9

Daß die „Dialektik der Aufklärung“ an ihren „schwärzesten Stellen“ vor der „These der Gegenaufklärung“ resigniere, daß der Schrecken sich nicht abschaffen lasse, und zu einer negativen Geschichtsmetaphysik zu gerinnen drohe, hat bereits Jürgen Habermas 1963 festgestellt. Es war sein Entrebillet ins Racket der Nachlaßverweser des Erbes von Horkheimer, Benjamin und Adorno, das seinen Aufstieg zum Chefphilosophen der neudeutschen Zivilgesellschaft ermöglichte. Doch auch bei Leuten, die keiner Sympathie mit Habermas verdächtig sind, ist die Behauptung populär, dass die „Dialektik der Aufklärung“ und die „Negative Dialektik“ durch ihre Hypostasierung der negativen Totalität des Geschichtsprozesses jede empathische Identifikation mit „den Opfern“ unmöglich machten, ja die Differenz zwischen Tätern und Opfern gar nicht mehr denken könnten. Gegenüber diesem verschämten Abschied von der Kritischen Theorie, der sich neuerdings auf Jean Améry beruft, soll der Vortrag zeigen, daß die Verweigerung einer gefühligen Identifikation mit den Opfern der Shoah und die „kalte“ Vernachlässigung des empirischen Einzelschicksals bei Adorno sich selbst als Konsequenz historischen Eingedenkens angesichts eines Menschheitsverbrechens verstehen lassen, das den Begriff des „Einzelschicksals“ bis ins Innerste fragwürdig gemacht hat. Gerade deshalb hat die frühe Kritische Theorie vom Opfergedenken einen verbindlicheren Begriff als die seither entstandene nationale Gendenkkultur, die „die Opfer“ nicht empathisch genug betrauern kann, um umso gründlicher zu vergessen, woran sie erinnern und wozu zu sie auffordern.

Besuch des Erinnerungsortes Topf und Söhne in Erfurt

Gegen 16.30 gemeinsame Zugfahrt ab Jena.Am Erinnerungsort findet für uns eine 90-minütige Führung durch die Ausstellung statt. Anschließend wollen wir uns in Jena zusammensetzen und über die gesammelten Eindrücke austauschen.
Bitte meldet euch unbedingt bis zum 3.12.2012, 8.30 Uhr unter japs@japs-jena.de oder auf einer der Vortragsveranstaltungen der Reihe Veranstaltungsreihe „Erinnern, Vergessen, Verdrängen“. für die Teilnahme an.

Exkursion nach Mittelbau-Dora

8.30 Uhr, gemeinsame Busabfahrt ab Jena (um einen Teilnahmebeitrag von 5€ wird gebeten).

In der Gedenkstätte findet für uns eine Führung im ehemaligen Häftlingslager, durch das SS-Lager, zum Bahnhofsbereich und durch die Stollenanlage statt. Für den Besuch der Ausstellung ist ebenso Zeit, wie für die Vorführung historischen Filmmaterials.
Wir werden gegen 16.00 Uhr in Mittelbau-Dora wieder aufbrechen. Da wir uns die meiste Zeit draußen bewegen, ist warme Kleidung zu empfehlen.

Bitte meldet euch unbedingt bis zum 7.12.2012, 8.30 Uhr unter japs@japs-jena.de oder auf einer der Vortragsveranstaltungen der Veranstaltungsreihe „Erinnern, Vergessen, Verdrängen“ für die Fahrt an.

Die Unfähigkeit zu trauern

Geschichte der Erinnerungskultur in Deutschland

Fr., 16.11.2012 – 19.30 Uhr @ Uni Jena, CZS 3, Hörsaal 9

Die deutsche Erinnerung an den Nationalsozialismus hat eine eigene Geschichte. Während man in den ersten Jahrzehnten der frühen Bundesrepublik vor allem mit Verschweigen und der Integration der Täter beschäftigt war und in der DDR am antifaschistischen Mythos gebaut wurde, geriet nach der Wiedervereinigung zunehmend der „ganz normalen Deutsche“ in den Blick der öffentlichen Diskussion. Gegenwärtig gilt die Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit als vorbildhaft, die „erfolgreiche Vergangenheitsbewältigung“ ist Referenzpunkt der Berliner Republik.
Der Vortrag beleuchtet den Wandel der „Erinnerungskultur“ in Deutschland und stellt wichtige Diskussionen und Wendepunkte vor.

Rainer Hirt ist Professor für Soziale Arbeit an der Fachhochschule Jena

Sonja Witte – Nationales Vergangenheitsrecycling

Die postnazistische Allianz der Generationen im deutschen Kollektiv

Fr., 23.11.2012 – 18 Uhr @ Uni Jena, CZS 3, Hörsaal 7

‚Aufarbeitung deutscher Geschichte’ verbindet immer wieder als moralischer Bezugspunkt nationale Ideologie mit der Idee einer Versöhnung der Generationen. Die Referenz auf die deutschen Verbrechen, auf Auschwitz, ist dabei zentral. Neben die fortwährende Stilisierung der Deutschen als Opfer tritt seit den 90ern die Integration von Auschwitz in die kulturindustrielle deutsche Erinnerungsarbeit als gesellschaftlichem ,Kitt‘, in der die Nation – und zwar mittlerweile ohne die Shoah abzuspalten – zum kollektiven Objekt der Identifizierung wird. Die neue scheinbare Unbefangenheit im Umgang mit der Geschichte, in der Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der eigenen Großeltern, der Wunsch, bei der Weltmeisterschaft auch einmal „schwarz-rot-geil“ zu sein, macht die dritte TäterInnengeneration zum Protagonisten des postnazistischen Nationalgefühls.
Der Vortrag stellt die von der Gruppe kittkritik in dem Sammelband „Deutschlandwunder –Wunsch und Wahn in der postnazistischen Kultur“ (erschienen 2007 im Ventil-Verlag) entwickelten Thesen zur Verknüpfung der gegenwärtigen kulturindustriellen Anpassung und Umwandlung von Elementen des Nationalsozialismus mit subjektiven unbewussten Wünschen und Abwehrstrategien im Verhältnis zwischen Tätergeneration, Kindern und Enkeln anhand von Film- und Musikbeispielen dar.

Sonja Witte ist Mitherausgeberin des Sammelbandes „Deutschlandwunder – Wunsch und Wahn in der postnazistischen Nation“ [www.kittkritik.net], außerdem aktiv bei den „les madeleines“ [www.lesmadeleines.net] und der Zeitschrift „Extrablatt – Aus Gründen gegen fast Alles“ [www.extrablatt-online.net].